Von halb vollen und halb leeren Gläsern

Festredner Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen erklärt das Glück

„Wir messen kein Glück sondern Wohlstand, Wohlfahrt und Zufriedenheit.“
Foto: „Wir messen kein Glück sondern Wohlstand, Wohlfahrt und Zufriedenheit.“

Gebürtiger Nordfriese, aber seit 20 Jahren im Breisgau zu Hause – Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen weiß, warum er so glücklich ist. Und um den Südwesttextilern zu erklären, warum sie es auch sind, war er am 27. April als Festredner zu Gast auf der Jahresversammlung des Wirtschafts- und Arbeitgeberverbands an der Hochschule in Reutlingen.

Seit fünf Jahren veröffentlicht der Professor für Finanzwissenschaft und Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge an der Albert-Ludwigs- Universität Freiburg im Auftrag der Deutsche Post regelmäßig den „Deutschen Glücksatlas“.

„Mit dem Thema Glück beschäftigt sich die Wissenschaft gar nicht – und zwar Null,“ erklärte Prof. Raffelhüschen den Teilnehmern gleich zu Beginn seines Vortrags. Deshalb sei der Glücksatlas auch keine regionalisierte Darstellung von Glück. Der Satiriker Dieter Hildebrandt hätte zwar in seiner letzten Sendung kommentiert, im Süden Deutschlands gäbe es jetzt Menschen, die seien so meschugge und würden statistisch Glück messen. Das sei aber Quatsch. Es würde schon in der ersten Zeile des Buches stehen, welches Hildebrandt wohl nicht gelesen hätte, „wir messen kein Glück“. Aber Journalisten würden eben nicht lesen und rechnen noch weniger. Aber die Menschen an den Unis. Und das schon seit 240 Jahren, seit dem grundlegenden Werk der Wirtschaftswissenschaft – „Der Wohlstand der Nationen“ – des schottischen Ökonomen Adam Smith. Sie würden Wohlstand, Wohlfahrt und Zufriedenheit von Nationen messen und der Frage nachgehen, wie sich Zufriedenheit in Nationen entwickele.

»Wir fragen nach dem Warum.«

Wie in einer Statistikvorlesung führte Prof. Raffelhüschen die Zuhörer auf die Spur des Glücks. Individuell sei die Zufriedenheit von Geld abhängig und je mehr desto besser. Demnach müsste ein Land mit einem hohen Bruttoinlandsprodukt zufriedener sein als das mit einem niedrigeren. Dem sei aber nicht so. Darüber hinaus wären in dieser Rechnung die Preisveränderungen noch nicht berücksichtigt. Und vor allem nicht der Faktor Zeit und dieser sei der Schlüssel. Denn seit 1952 wird Wohlstand in Zeit gemessen, d. h. wie lange muss ein Durchschnittsverdiener arbeiten, um sich ein bestimmtes Gut leisten zu können. Daraus ergibt sich, dass seit 1960 kein Produkt teurer geworden ist, im Gegenteil. Nur eine Dienstleistung sei gleich teuer geblieben, so Raffelhüschen: Der Damenhaarschnitt und zwar inklusive Waschen und Föhnen. Ein Full HD Flachbild-Fernseher koste jedoch nur noch 8 Prozent so viel wie eine Schwarz-Weiss-Röhre von 1960.

Weitere Einflüsse auf das Glück sind neben Geld noch drei weitere „Gs“: Gesundheit, Gemeinschaft und die Genetische Disposition, d. h. ist für den Betrachter das Glas halb voll oder halb leer. Diese Sichtweise wird stark beeinflusst von der Menatlität der Menschen in den einzelnen Bundesländern. So verfügen zwar beispielsweise die Hamburger über eine bessere Gesundheitsversorgung – laut Prof. Raffelhüschen gebe es an jeder Ecke einen Defibrillator – und auch die Dating-Möglichkeiten sind nahezu unbeschränkt sowie das verfügbare Einkommen weit höher als im benachbarten Schleswig-Holstein. Und doch leben hier die glücklichsten Deutschen, denn, so Raffelhüschen, wenn es ein Problem gäbe setze sich der Nordfrieße mit einem Glas Rotwein an seinen Kamin und mache es sich erst einmal gemütlich. Von dieser Menatlität sind die Württemberger auf Platz 7 noch ein gutes Stück entfernt, dagegen haben es die Badener auf Platz 2 schon fast geschafft. Vielleicht liegt es ja doch am Wein.

Die „4-Gs“ des Glücks:
• G1: Gesundheit – das Fundament der Lebenszufriedenheit
• G2: Gemeinschaft in Partnerschaft und mit Gesellschaft
• G3: Geld
• G4: Genetische Disposition

Das Glück ist nicht additiv G1+G2+G3+G4, sondern eher multiplikativ verknüpft: G1*G2*G3*G4