Von Mut- und Möglichmachern

PH-Werte: Die Kolumne von Südwesttextil-Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Hauptgeschäftsführer Peter Haas
Foto: Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Als vor etwas über 200 Jahren erstmals Waren in Serie entstanden, z. B. an mechanischen Webstühlen, kennzeichnete dies den Beginn der Massenproduktion mithilfe von Maschinen. Heute nennen wir das die „Industrie 1.0“ – und es waren Textiler, die dieses Zeitalter wesentlich einläuteten. Seitdem hat es unsere Industrie verstanden, sich während der drei weiteren industriellen Revolutionen bis zur jetzt entstehenden Industrie 4.0 zu behaupten. Tiefe Wurzeln geben eben Halt für den Sturm. Die Digitalisierung ist ein solcher Sturm. Er hat die Kraft, Althergebrachtes hinwegzufegen. Wenn man liest, dass ein amerikanischer Jeanshersteller gemeinsam mit Google eine Jacke mit eingewebten Sensoren entwickelt, die auf Wisch-Gesten über den Ärmel reagieren, Telefonanrufe annehmen oder Musiktitel starten, dann ist das auch eine Warnung: Die Zukunft hat längst begonnen. Aber wie das so ist mit dem Wind der Veränderung … manche suchen vor ihm den sicheren Hafen, andere setzen die Segel. Jeder Textilunternehmer muss sich fragen: Was würde ich heute tun, um mir selbst Konkurrenz zu machen? Die Antwort darauf weist den Weg.

»Innovation heißt nicht, das Rad neu zu erfinden.«

Wenn mir Denkendorfer Textilforscher kürzlich einen Handschuh vorführten, der – in einem Stück gestrickt – mit Elektroden ausgestattet wurde und mit Stromimpulsen die Schmerzen von Arthrosepatienten lindert, dann zeigt das sehr konkret: „Smart textiles“ könnten wirklich die nächste große Umsatzwelle darstellen, wie es US-Analysten behaupten.

Innovation muss aber nicht immer bedeuten, das Rad neu zu erfinden. Intelligenter Umgang mit Tradition kann auch höchst innovativ sein. Bestes Beispiel ist ein namhafter Unterwäschehersteller aus unserem Mitgliederkreis, den ich vor einigen Tagen besuchte, und der das gute, alte Feinripp-Shirt so kultig neu inszeniert, dass es beim Kunden ein Revival erlebt.

Es vergeht kein Tag ohne neue Beispiele, gerade in und aus Baden-Württemberg: Beim ersten „Deutschen Fachkolloquium Textil“ letzten Monat in Denkendorf wurden Flugzeugtriebwerke aus jacquard-gewebtem Carbonfaserverbund gezeigt. Auf der Hannover Messe stellten Unternehmen aus Baden-Württemberg eine in Kooperation entstandene Weltneuheit vor: ein beheizbares Wandelement aus Abstandstextilien. Und bei der Premiere unseres Netzwerk-Events „Let’s talk about Tex“ berichtet ein 23-Jähriger, wie er eine 30 Jahre alte Näherei gekauft hat, um dort ein eigenes Label aufzubauen und „Mode made in Germany“ wieder aufleben zu lassen. Mut- und Möglichmacher allerorten – das ist Textil!