Von TTIP profitieren nur die Großkonzerne

Stimmt diese Aussage wirklich?

Dieses Argument taucht regelmäßig auf, wenn es um Kritik an TTIP geht. Thilo Bode, Gründer von Foodwatch und ehemaliger Greenpeace-Geschäftsführer betitelt sein aktuelles Buch mit „Die Freihandelslüge: Warum TTIP nur den Konzernen nützt − und uns allen schadet“. Stimmt diese Aussage wirklich? Sind die Konzerne nicht alle längst „Global Player“ und deshalb in beiden Regionen (EU wie USA) schon aktiv? Haben nicht der für Deutschland so wichtige Mittelstand oder das zukunftsträchtige Kleinunternehmen ein viel größeres Problem, sich auf dem wichtigen US-Markt einen erfolgreichen Zugang zu verschaffen, weil hohe Zölle und schwierige Marktzugangsregelungen im Wege stehen?

Daimler und Mercedes sowie eine Vielzahl europäischer Zulieferer produzieren in den USA, Reebok und TaylorMade gehören zur deutschen Adidas-Gruppe und für Porsche sind die USA der größte Absatzmarkt. In Deutschland sind wir es gewohnt, unsere Burger bei McDonald's und Burger King zu essen, gerne mit Heinz Ketchup. Die besten Windeln für unsere Kinder sind selbstverständlich von Pampers, einer Marke des US-Konzerns Procter & Gamble. Unser Smartphone muss von Apple sein, die Harley ist Kult. Opel ist schon seit 1929 eine Tochter von General Motors und Ford gründete seine deutsche Tochter vor 90 Jahren.

Unternehmen dieser Größenordnung verfügen über die notwendigen Ressourcen, um die jeweils bestehenden Marktzugangsregelungen zu managen. Viele europäische kleine und mittlere Unternehmen haben diese Ressourcen leider nicht, um den „Schritt über den großen Teich“ zu wagen. Sie sind zwar häufig bereits international aufgestellt, aber der größte Konsumgütermarkt der Welt, die USA, bleibt für viele unerreichbar. Dies soll an einem einfachen Beispiel aus dem Bereich der Bekleidung verdeutlicht werden.

Wer Bekleidung in die USA liefern will, sieht sich mit folgenden Marktzugangsthemen konfrontiert:

1. Hohe und intransparente Zollsätze

Die USA sind das einzige Land der Welt mit material- und geschlechtsabhängigen Zollsätzen. Der Zollsatz für eine gewebte Herrenhose aus Wolle liegt bei ca. 17 Prozent. Wird die gleiche Hose aus einem Baumwollgewebe importiert liegt der Satz bei 16,6 Prozent, bei Chemiefasern bei 27,9 Prozent, bei Leinen bei 2,8 Prozent und Hosen aus Seide sind sogar zollfrei. Hat man auch Damenhosen im Programm weichen die Zollsätze nochmals ab (Wolle: 17,5 Prozent, Baumwolle 9,4 Prozent, Chemiefasern 6,3 Prozent, Leinen 6,3 Prozent und Seide 1 Prozent). Anti-Diskriminierungsklagen gegen diese Ungleichbehandlung scheiterten übrigens. Diese Situation macht eine Preiskalkulation extrem schwierig, da man zum Zeitpunkt der Kalkulation nicht präzise wissen kann, welche Ware verkauft werden wird.

2. Produktkennzeichnung und Etikettierung

Die US-Standards weichen in vielen Fällen von den Standards der EU ab. Die USA verlangen eine verpflichtende „Made in“-Kennzeichnung und zwar „sichtbar in der Mitte des Halsausschnitts“. Wasch- und Pflegesymbole sind nicht vollständig kompatibel. Der Importeur muss angegeben sein, entweder mit vollem Namen und Adresse oder seiner „Registration Number“ (z. B. RN 123456) und zur Produktidentifikation in Logistik und Laden nutzt man nicht den hier üblichen EAN-Barcode, sondern den UPC-Standard. Produkte für die USA müssen also entweder bereits in der Produktion oder vor dem Versand speziell etikettiert werden. Das kostet Geld und − in der kurzlebigen Modebranche besonders kritisch − Zeit.

3. Anforderungen an Dokumente

Aufgrund der Zollsatzsituation und der damit verbundenen extrem untergliederten Struktur des US-Zolltarifs müssen in den
Lieferdokumenten sehr detaillierte Warenbeschreibungen gemacht werden, um eine zutreffende Einreihung zu ermöglichen. Zusätzlich sind Name und Adresse des tatsächlichen Herstellungsbetriebs in codierter Form als „Manufacturer Identification Number“ (MID) anzugeben. Exporteure von Schuhen müssen in der „Footwear Declaration“ mehr als 40 Fragen zur Beschaffenheit des Produkts beantworten. Wer Perlmuttknöpfe an Hemden oder Blusen einsetzt, muss deren Gattung und Herkunft gegenüber dem U.S. Fish & Wildlife Service dokumentieren. Ähnliche Anforderungen bestehen für Waren aus Holz, z. B. Kleiderbügel, Schmuck oder Möbel für die Ladenausstattung, nach dem „Lacey Act“ zum Schutz der Regenwälder.

4. Normen

Importeure müssen mit einem „Certificate of Conformity“ sowohl bei der Einfuhr als auch im Verkauf nachweisen, dass die Waren den US-Verbraucherschutzstandards entsprechen. Im Bereich von Bekleidung sind dies vor allem die Entflammbarkeitsstandards (Flammability Standards), die nach US-Testvorgaben durchgeführt werden müssen. Diese Tests sind nicht nur anders als in Europa, sie sind auch wesentlich strenger und betreffen eine weitaus größere Produktpalette.

Fazit

KMU der Branche erhalten keine Millionenaufträge von US-Kunden. Im Regelfall geht es um Testaufträge im Umfang weniger tausend Euro. Zur Erfüllung der US-Anforderungen steht diesen Unternehmen entweder das notwendige Know-how nicht zur Verfügung oder sie scheitern an einer simplen Kosten-Nutzen-Analyse. Häufig ist es somit der Fall, dass nach Prüfung der Regeln der Traum vom US-Markt platzt und die Testaufträge, um die man teilweise intensiv gekämpft hat, abgesagt werden müssen.

TTIP könnte dies mit niedrigeren Zollsätzen und einheitlichen, oder zumindest gegenseitig anerkannten, Standards deutlich verbessern. KMU könnten so einen leichteren Zugang zum wichtigen US-Markt erhalten und expandieren. Selbstverständlich profitieren auch die Big Player – aber eher in Form von Optimierungen durch Zoll und Kostensenkungen für bisher abweichende Marktzugangsbedingungen. Die großen Konzerne können auch ohne TTIP weiterhin erfolgreich arbeiten und vielleicht ist der eine oder andere Konzern mit dem Status quo auch schon ganz zufrieden, weil er unangenehmen Wettbewerb unterbindet.

Autor:
Bernd Stadtler
Head of Customs
Global Logistics
Hugo Boss AG

Dieser Artikel ist erstmals in Foreign Trade Ausgabe 2/2015 erschienen - http://www.mendel-verlag.de/foreigntrade/index.htm