Wachstum mit Hindernissen

Der westeuropäische Markt für Bekleidung auf Schrumpfkurs

Der weltweite Modemarkt wächst. Besonders die steigenden Einkommen in bevölkerungsreichen Schwellenländern treiben den globalen Umsatz. In den nächsten fünf Jahren soll der internationale Modekonsum um real 10 Prozent zunehmen. Dagegen befindet sich der westeuropäische Markt für Bekleidung langsam aber sicher auf Schrumpfkurs: Obwohl mengenmäßig noch leichte Zunahmen verzeichnet werden, ist die Wertentwicklung negativ. Inflationsbereinigt prognostizieren Experten bis zum Ende des Jahrzehnts einen Rückgang der Einnahmen im westeuropäischen Bekleidungseinzelhandel um durchschnittlich -0,3 Prozent pro Jahr. Eine Umkehr dieses Trends ist nicht in Sicht.

In Märkten wie Frankreich, Spanien und Italien hinterlässt die europäische Schuldenkrise langfristige Spuren. Die modeaffinen Südländer sind durch wirtschaftliche Zwänge preissensibel geworden. Dort, wo es langsam wieder aufwärts geht, hinterlässt die Krise nicht nur vorübergehende Einschnitte bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Mode, sondern ein nachhaltig abgesenktes Ausgabenniveau.

Besonders deutlich wird dieses Phänomen bei den italienischen Konsumenten, die lange als modische Elite Europas galten. Vor der Krise investierte der Durchschnittsitaliener – trotz geringeren Pro-Kopf-Einkommens – rund 11 Prozent mehr in Mode als sein deutscher Nachbar. Heute geben die Italiener 26 Prozent weniger für Bekleidung aus als die Deutschen. Innerhalb der nächsten 5 Jahre wird eine weitere Absenkung der Ausgaben um 12 bis 13 Prozent erwartet. Gleichzeitig rechnen Experten aber mit einem deutlich langsameren Rückgang der verkauften Stückzahlen um minus 6 bis 7 Prozent. In Frankreich dürfte der Umsatz mit Mode im gleichen Zeitraum um gut 6 Prozent zurückgehen, während die Zahl der Teile, die über den Ladentisch gehen, nahezu unverändert bleibt. In Spanien könnte angesichts der wieder anziehenden Konjunktur zum Ende des Jahrzehnts das Vorkrisenniveau im Modehandel wieder erreicht werden. Doch auch dort gilt: Während sich die Absatzmengen im Verlauf wirtschaftlicher Erholung stabilisieren, bleiben die Preise im Keller.

Längst ist sich die Branche in Deutschland bewusst, dass sie ihre Exporte über die angestammten Absatzmärkte des Euroraums hinaus ausdehnen oder innovative Nischen besetzen muss, um am weltweiten Wachstum teilzuhaben. Die deutsche Bekleidungsindustrie, traditionell noch stärker europaorientiert als die textilen Vorstufen, hat ihre Asienausfuhr innerhalb von 5 Jahren mehr als verdoppelt. Vor allem bedingt durch das eingebrochene Russlandgeschäft verharrt die Abhängigkeit vom EU-Geschäft allerdings auf gleichbleibendem Niveau. Das Blatt in Russland wird sich nur langsam wenden, und es bedarf langen Atems. Das gute Renommee, das sich deutsche Exporteure von Petersburg bis Wladiwostok aufgebaut haben, wird sich langfristig auszahlen. Doch auch bei optimistischer Betrachtung kann das den schleichenden Schwund am europäischen Absatzkuchen nicht wettmachen. Vielmehr müssen neue, vielversprechende Absatzmärkte ins Visier genommen werden, in denen deutsche Mode bisher eine untergeordnete Rolle spielt.

Freihandelsabkommen sind gefragt

Weil die Markteintrittskosten aufgrund vielfältiger Handelsbarrieren groß sind, ist die Politik gefragt. Freihandelsabkommen mit großen Wirtschaftsnationen wie den USA oder Japan sind dabei ein wesentlicher Schritt. Zudem müssen attraktive Märkte, die im deutschen Absatz bislang eine untergeordnete Rolle spielen, stärker in den Mittelpunkt rücken. So verfügen die Vereinigten Arabischen Emirate schon heute über einen Modemarkt, der größer ist als der Hollands oder Österreichs – zwei Lieblingsexportländern der deutschen Modebranche. Die Emiratis sind bereits heute Weltspitze bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Mode, Käufe auf Auslandsreisen nicht mitgerechnet, und werden sich in den nächsten Jahren noch deutlicher vom Rest der Welt abheben. Der VAE-Anteil am deutschen Modeexport von derzeit 0,3 Prozent ist demnach noch ausbaufähig. Auch hier ist politische Flankierung gefragt, um deutschen Mittelständlern den Eintritt in ein Umfeld hochwertiger Mitbewerber aus aller Welt zu erleichtern. Deutschland ist Technik – dieser Ruf macht sich auch für die Modebranche bezahlt. Innovative Zusatznutzen bieten internationalen Kunden echten Mehrwert. Mancher Hersteller stößt dadurch vor bis zu interessanten Nischen wie flammfester Unterwäsche. Nicht stylish genug? Abwarten, bis es brenzlig wird!