Die inneren Werte zählen

Beim Familienunternehmen Wendler Einlagen aus Reutlingen ist dies nicht nur das Credo für die Produktlinien im Bereich der Einlagestoffe, sondern trifft auch auf Unternehmenskultur und Zukunftsvision zu. Südwesttextil im Gespräch mit Edith Wendler-Kuschke und Frank Sailer.

Edith Wendler-Kuschke und Frank Sailer
Foto: Edith Wendler-Kuschke und Frank Sailer
© Südwesttextil

Gegründet wurde das Unternehmen 1843 mit Sitz in der Reutlinger Innenstadt. Doch im Frühherbst führte der Besuch in das Industriegebiet auf der Grenze zu Tübingen, wo Wendler Einlagen seit 1999 beheimatet ist.

Seit 1974 ist das traditionell inhabergeführte Unternehmen auf gewebte Baumwolleinlagen für Hemden und Blusen spezialisiert. Das Geheimnis dabei liegt in „Wendler inside“, der auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Kragenzuschnitte. Denn die Beschichtung, der Kleber, sorgt am Ende für die Fixierung im Inneren der Kleidungsstücke und gibt ihnen damit nicht nur die inneren Werte, sondern bringt Kragen, Ärmeln und Hosenbünden die entscheidende Form.

Geschäftsführer Frank Sailer vergleicht die Einlagestoffe mit Schrauben im Maschinenbau – Verfügbarkeit und Qualität des Produktes müssten einfach jederzeit stimmen. Um die Kunden zuverlässig global zu unterstützen, hat sich das Familienunternehmen bereits früh vom Rande der schwäbischen Alb auf internationales Parkett bewegt. 1977 wurde die erste Niederlassung in Hongkong bereits zum Erfolgsfaktor mit Kunden wie Neckermann oder Quelle. Die Internationalität prägt auch heute noch die Philosophie des Unternehmens, allerdings gehen globales und lokales Handeln bei Wendler immer Hand in Hand. Das Unternehmen hat den Anspruch, stets vor Ort auf lokale Bedürfnisse eingehen zu können. Dies betrifft nicht nur ein großes Produktangebot von Kleinstmengen bis hin zu Massenprodukten – von günstig bis hochwertig – sondern auch die Services. Diese reichen mittlerweile von Tests unterschiedlicher Einlagekombinationen für Kunden, technischer Untersützung bei der Auswahl der Produkte, Wartungen, Zertifizierungen, technischen Trainings und Sample Services bis hin zu Zuschnitten vor Ort. Die Verlässlichkeit steht dabei als Kernwert in der Vision des Einlagespezialisten mit den darunter gefassten Werten wie Qualität, Verfügbarkeit, Kundenservice, Innovation und Nachhaltigkeit. Um dies in allen Ländern gewährleisten zu können, ist Logistik sowie die Präsenz mit Partnern oder eigenen Niederlassungen unerlässlich.

2019 hat das Unternehmen in 84 Länder weltweit geliefert und ist mit einem Marktanteil von 45 Prozent im Bereich der gewebten Baumwolleinlagen führend. Zu den Produktionen in Deutschland, China, Bangladesch und Indien ist in diesem Jahr ein neuer Standort in Italien und ein neues Werk in Vietnam dazu gekommen. Die Standortsuche für das Projekt begann im Dezember 2018 mit der Außenhandelssparte der Industrie- und Handelskammer. Nur knapp eineinhalb Jahre später startete die Produktion im August diesen Jahres – allerdings durch Corona im Remote. Zu den 250 Beschäftigten weltweit kommen damit durch das neue Werk noch einmal 100 bis langfristig 150 Mitarbeitende dazu. Frank Sailer betont, wie wichtig die Eigenständigkeit der neuen Kolleg*innen ist und schwärmt vom Enthusiasmus und Know-how der Menschen in Vietnam.

Das neue Werk befindet sich logistisch zentral gelegen in Tam Ky City in der Provinz Quang Nam. Vor Ort sind auf 14 000 Quadratmetern alle Prozessstufen zu finden, vom Bleichen, Ausrüsten und Färben, über die Beschichtung bis hin zu allen Services des Unternehmens, inklusive Lagerkapazitäten. Der neue Standort ist aber vor allem eine „Green Factory“, zertifiziert mit dem amerikanischen LEED Standard in Gold. Dies beinhaltet die Wäremerückgewinnung, Solaranlagen, klimaneutrale Energieproduktion mit Pellets aus regionaler Holzwirtschaft, die Nutzung von Regenwasser sowie die Aufbereitung und Rückführung von Abwässern. Das Unternehmen setzt zudem auf die Minimierung des Chemikalieneinsatzes und ersetzt diese mit mechanischen Bearbeitungsverfahren.

Dieser Drang, in den Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung Vorreiter zu sein, schlägt sich nicht nur bei der Errichtung des neuen Standorts nieder. IT sei für das globale Handling unabdingbar, denn beim Naturprodukt Baumwolle seien beispielsweise die Erfassungen von Weißgraden der Rollen für eine einheitliche Qualität der Einlagestoffe unabdingbar. Insbesondere die Aspekte der Nachhaltigkeit seien aber für inhabergeführte Firmen unerlässlich, betont der Geschäftsführer. Dies bedeutet in der Logistik, dass die Rückverfolgbarkeit von Rohmaterialien gewährleistet sein muss. Das Unternehmen weist mittlerweile bedeutende Zertifizierungen auf, darunter der „Global Recycling Standard“ und der „Global Organic Textile Standard“. Bei Klebestoffen forscht Wendler Einlagen an einer nachhaltigen Alternative, die entweder aus recycelten oder biologisch abbaubaren Inhalten besteht.

Auch am Standort in Reutlingen hat sich das Unternehmen mit Solaranlagen und Fuhrparkumstellungen ehrgeizige Ziele zur Minimierung des ökologischen Fußabdrucks gesetzt. So erzählt Geschäftsführer Frank Sailer von morgendlichen E-Bike-Touren und blickt insgesamt zufrieden auf das letzte Jahr: „Wichtig ist, dass man die richtige Richtung einschlägt und jeden Tag daran arbeitet.“

So macht sich insgesamt ein Umbruch im Unternehmen bemerkbar, der unter anderem auch auf einen Generationenwechsel im letzten Jahrzehnt zurückzuführen ist. Denn viele der Beschäftigten, die seit der Spezialisierung des Unternehmens auf Einlagestoffe Anfang der 70er Jahre dabei sind, verabschiedeten sich in den Ruhestand. So brechen bei dem Unternehmen nicht nur bedingt durch die Coronakrise neue Zeiten an. Dafür stehen die Gesellschafterin Edith Wendler-Kuschke, verantwortlich für das Marketing, und Geschäftsführer Frank Sailer. Die technische Leitung liegt nach wie vor bei Dr. Gerhart Wendler, der sich aber mit 70 Jahren nach und nach aus dem Unternehmen zurückzieht. Die Geschäftsführung wird daher seit einem Jahr durch Harald Bäumle im technischen Bereich unterstützt.

Aktuell beschäftigt die Führung des Unternehmens das Bestreben, sich mit einem stärkeren lokalen Engagement an den globalen Hotspots der Bekleidungsindustrie heraus aus der Nische zu bewegen. Corona sei hier nur ein Brandbeschleuniger, um sich stärker zu vernetzen. Ein Umdenken sei im dynamischen Umfeld der Textil- und Bekleidungsindustrie für Mittelständler essentiell, denn neue und auch branchenübergreifende Partnerschaften seien heute wichtige Faktoren für langfristigen Erfolg, so Frank Sailer. So öffnet sich der Textilspezialist gerade für neue Technologien und Anwendungen beispielsweise im technischen Bereich und sieht sich mit seinem Know-how nicht länger als Hidden Champion in der Nische, sondern als Lösungsanbieter.

177 Jahre Firmengeschichte erfordern ein stetiges „sich neu erfinden“ und viel Unternehmergeist. Hierfür stehen nicht nur die kontinuierliche Internationalisierung des Unternehmens, sondern auch die konkrete Fokussierung von Themen wie Nachhaltigkeit. Ob wir mit dem Generationenwechsel den Beginn einer neuen Metamorphose bei Wendler Einlagen erleben – wir dürfen gespannt bleiben.