Wider die Regulierungswut

Martina Bandte fordert Erschließung neuer Märkte und Technologien

Die Präsidentin stellt fest: „Während wir uns international beweisen möchten, bremst uns die eigene Politik durch unnötige Restriktionen und Papierkrieg.“
Foto: Die Präsidentin stellt fest: „Während wir uns international beweisen möchten, bremst uns die eigene Politik durch unnötige Restriktionen und Papierkrieg.“
© südwesttextil

Gesamtmasche-Präsidentin Martina Bandte wird nicht müde, ihr wichtigstes Anliegen immer wieder vorzubringen: Deutschland und Europa brauchen dringend Bürokratieabbau. Auch bei der diesjährigen Mitgliederversammlung mangelt es der Familienunternehmerin nicht an Beispielen, die der Branche zu schaffen machen. Die Erschließung neuer Märkte, verantwortungsvolle Beschaffung, Unternehmensführung und Fair Play im Markt sind Themen, denen sich viele Mitgliedsfirmen mit viel Energie widmen. Doch staatliche Eingriffe machen es gerade dem textilen Mittelstand nicht immer einfach, gute Ideen umzusetzen. „Während wir uns international beweisen möchten, bremst uns die eigene Politik durch unnötige Restriktionen und Papierkrieg.“ Als unschönes Beispiel führt Bandte die bürokratische Ausgestaltung der europäischen Freihandelsabkommen an. „Bei den Ursprungsregeln wird uns seit über zehn Jahren eine Verschlankung versprochen. Stattdessen wird das Regelwerk unerhört aufgebläht.“ Ähnlich einzustufen seien die Pläne für eine verpflichtende „Made in“-Kennzeichnung. Brüssel sei bereits dabei, für jedes einzelne Produkt spezifische Made-in-Regeln zu erfinden.

Bei den Ursprungsregeln wird uns seit über zehn Jahren eine Verschlankung versprochen. Stattdessen wird das Regelwerk unerhört aufgebläht.
Foto: Bei den Ursprungsregeln wird uns seit über zehn Jahren eine Verschlankung versprochen. Stattdessen wird das Regelwerk unerhört aufgebläht.
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Zur Kategorie bürokratischen Wildwuchses zählt Bandte das „Bündnis für nachhaltige Textilien“ des Bundesentwicklungsministers. „Der ursprüngliche Aktionsplan war so ambitioniert, dass er nach heutigem Stand schlicht nicht erfüllt werden konnte. So etwas bedeutet für Unternehmen ein nicht kalkulierbares Kosten- und Haftungsrisiko.“ Die vehemente, aber konstruktive Kritik der Wirtschaft hat dieser Tage zu einer Neuauflage des Aktionsplans geführt. Auch die Bodywear-Produzentin Bandte hat sich dafür eingesetzt, das Bündnis auf praxisgerechte Beine zu stellen. „Ein starkes Bündnis kann es nur geben, wenn sich möglichst viele daran beteiligen.“

„Während wir uns international beweisen möchten, bremst uns die eigene Politik durch unnötige Restriktionen und Papierkrieg.“

Gesamtmasche-Präsidentin Martina Bandte

Was der Masche-Vorsitzenden Kopfzerbrechen bereitet, ist ganz unabhängig von der aktuellen Konjunktur der langfristig rückläufige Konsumgütermarkt in Deutschland. Auffangen lasse sich das nur durch neue Anwendungsfelder oder Konzentration auf Segmente, für die trotz oder gerade wegen des demografischen Wandels Wachstums prognostiziert wird – wie beispielsweise für die Bereiche Medizin und Sport. Daneben müssten die Anstrengungen wachsen, Qualitätsprodukte deutscher Hersteller weltweit zu vermarkten und sich von Westeuropa unabhängiger zu machen. In diesem Zusammenhang plädiert Bandte nachdrücklich für den Abschluss der Transatlantischen Freihandelspartnerschaft. „Bereits heute belegen die USA Rang 3 unter den wichtigsten Ausfuhrzielen der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie außerhalb der EU. Gleichzeitig stoßen unsere Lieferungen auf hohe Zollmauern.“ Alleine schon der klassische Verhandlungsbereich der Zölle berge somit riesiges Potenzial.

Eine Chance, die es von der Branche anzupacken gelte, sei die Digitalisierung, Virtualisierung und die damit einhergehende Veränderung des Kaufverhaltens. „Der Begriff Industrie 4.0 steht für die vierte industrielle Revolution, eine neue Stufe der Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette. Auch für unsere Branche ist das ein hoch aktuelles Thema.“ Die Chancen seien vielfältig: Während der Wunsch nach individualisierter Kleidung wachse, müsse die Branche gleichzeitig mit schnell wechselnden Modetrends Schritt halten. „Das „Internet der Dinge“ könnte unterschiedliche Technologien wie Bodyscanning, „Made to Measure“ oder Digitaldruck miteinander verknüpfen.“

Nicht nur die Politik, auch Geschäftspartner, Konsumenten und die Branche selbst mahnt Bandte zum Blick nach vorn. Jeder sei sich über die Notwendigkeit von Veränderungen bewusst, doch fielen diese oft schwer: „Kunden wünschen sich transparente Lieferketten, aber möglichst zum Nulltarif.“ Händler wiederum lockten bereits zu Saisonbeginn mit Rabatten, obwohl der Wahnsinn der preislichen Abwärtsspirale längst entlarvt sei. An ihre Unternehmerkollegen appelliert Bandte, sich angesichts des schrumpfenden deutschen Marktes noch engagierter um die Erschließung neuer Wachstumsmärkte zu bemühen. Um diese Herausforderungen meistern zu können, fordert sie einen Schulterschluss der Unternehmen: Zwar sei die Branche „kampferprobt“, wenn es gelte, sich mit widrigen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen. Um sich bei Politik Gehör zu verschaffen, sei es jedoch notwendig, Interessen gemeinsam und nachdrücklich zu vertreten.