"Wir kämpfen weiter"

Heinz Horn zieht im Gespräch mit Südwesttextil eine erste Halbjahresbilanz

Seit dem 1. Juli 2010 ist Heinz Horn Präsident des Gesamtverbands textil+mode in Berlin. Im Ehrenamt kennt er sich gut aus: Früher Geschäftsführer, heute Verwaltungsratsmitglied bei Felina, gehört er seit langem dem Vorstand von Südwesttextil an und ist seit 2006 Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Maschenindustrie.

Von Anfang an war sein neues Amt richtig spannend: Im Sommer schockte die Bundesregierung die Branche mit ihren Energie- und Stromsteuerplänen, und seit Monaten halten steil ansteigende Faser- und Garnpreise die Industrie in Atem. Auf internationaler Ebene wird zwar viel über freien Handel geredet, aber tatsächlich behindern zahlreiche Barrieren den Marktzugang. Südwesttextil sprach mit Heinz Horn über seine wichtigsten Ziele und Eindrücke.

Herr Horn, fühlen Sie sich im Spitzenverband der deutschen Textil- und Modeindustrie schon so richtig angekommen?

Beim internen Team in Berlin ja, im weiten Feld der Landesverbände, Fachverbände und den verschiedenen Gremien und Kontaktstellen lerne ich permanent noch Kollegen und weitere Fachgebiete kennen. Das ist sehr spannend.

Nach der intensiven Lobbyarbeit der Verbände wurden die Ökosteuerpläne in letzter Minute entschärft. Sind Sie mit dem Erfolg zufrieden?

Wir konnten das Schlimmste verhindern, aber wirklich zufrieden können wir nicht sein. Schließlich ist die Belastung, insbesondere im Zusammenspiel mit der EEG-Umlage, im internationalen Wettbewerb weiterhin viel zu hoch. Da werden wir entschieden weiterkämpfen. Die geltende EEG-Konstruktion isoliert die Erneuerbaren Energien vom Marktgeschehen und verursacht einen steilen Kostenanstieg.

Angesichts der Rohstoffkosten haben Sie Preiserhöhungen für die Textilindustrie ins Spiel gebracht – und prompt Widerspruch vom Handel geerntet. Hat Sie das verunsichert?

Den extremen Kostenanstieg bei Rohstoffen und Energie können die Hersteller nicht mehr über ihre Margen abfangen. Erste Spinnereien und Webereien haben bereits ihre Preise erhöhen müssen. Deshalb ist ein möglicher Anstieg der Bekleidungspreise alles andere als weit hergeholt. Damit muss man leben. Ich denke, die aktuelle Entwicklung zeigt, dass meine vorsichtige Prognose damals nicht ganz falsch war.

… später wurden Sie zitiert, Sie wollten nicht an die Eckpreislagen herangehen…

Weder der Gesamtverband textil+mode noch sein Präsident machen Preise. Die Märkte und der weltweite Wettbewerb bestimmen das Geschehen und nehmen wenig Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Konsumenten. Die Bandbreite der textilen Kette vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt ist aber so lange und vielseitig, dass es immer verschiedene Sichtweisen und Konstellationen geben wird. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass die wesentlichen Eckpreislagen bei Bekleidung auch in Zukunft existieren werden, von wem auch immer angeboten. Die Preisgestaltung wird im nächsten Jahr aber für alle Beteiligten ein herausforderndes Wettbewerbsmerkmal.

Sie sind im ersten halben Jahr Ihrer Präsidentschaft schon viel herumgekommen. Wer waren Ihre interessantesten Gesprächspartner?

Das Motivierendste an der neuen Verantwortung ist für mich die Begegnung mit zahlreichen interessanten Menschen. Sehr starken Eindruck haben die Treffen mit den chinesischen Partnerverbänden und deren Repräsentanten auf mich gemacht. Auch die enge Zusammenarbeit mit den Präsidenten und Geschäftsführern der Textilverbände in den Nachbarländern ist sehr gewinnbringend. Möglichst viel über die internationale textile Welt und deren Leistungsträger zu wissen, halte ich für sehr wichtig.

Was bringen die Gespräche in China oder Bulgarien unseren heimischen Betrieben?

In den Ländern, die von vielen deutschen Unternehmen heute noch als die größten Konkurrenten gesehen werden, entwickeln sich unaufhaltsam die größten Absatzmärkte der Zukunft. Diese Entwicklung zu ignorieren käme dem Versuch gleich, die Uhr anhalten zu wollen. Wer zweifelt sollte sich selbst ein Bild über die Dynamik und das wachsende Selbstbewusstsein der asiatischen Märkte machen. Es gilt die Zukunft zu gestalten, sonst wird sie uns gestaltet. Die Donauregion, die überwiegend "neue" EU-Länder umfasst, kommt demnächst in den Genuss bedeutender EU-Fördermittel. Deshalb haben wir vor wenigen Tagen ein „Memorandum of Understanding“ mit dem bulgarischen Verband BAATPE unterzeichnet. Weitere werden folgen.

Sie haben Visionen für die Branche. Altkanzler Schmidt würde Sie damit zum Arzt schicken. Wohin gehen Sie?

"Wenn du willst, dass die Menschen ein Schiff bauen, wecke in ihnen die Sehnsucht nach fremden Meeren und Ländern". Sich Ziele zu setzen und nach deren Realisierung zu streben, braucht keinen "ärztlichen" Beistand. Wir möchten den Stellenwert und das Ansehen der gesamten textilen Branche aktualisieren und deutlich verbessern. Das ist mindestens eine mittelfristige Aufgabe. Darüber hinaus werden wir der Nachwuchsförderung und dem gesamten Bildungsthema hohe Bedeutung beimessen. Für diese Ziele werde ich mich einbringen.