Wunschdenken im Wolkenkuckucksheim

IG Metall scheint Wirtschaftsentwicklung ausblenden zu wollen

Zu größerem Realismus bei der Formulierung ihrer Tarifforderung hat Südwesttextil jetzt die IG Metall aufgefordert. Nachdem bekannt wurde, dass in einzelnen Tarifbezirken der Gewerkschaft für die bevorstehende Entgeltrunde Forderungen von bis zu 5,5 Prozent aufgestellt wurden, warnt der Verband vor "Wünschen aus dem Wolkenkuckucksheim". Es könne nicht sein, dass wir die Entgelte "völlig losgelöst von der wirklichen Lage der Betriebe" festlegen, sagte Südwesttextil-Hauptgeschäftsführer Dr. Markus H. Ostrop. "Denn die wird zunehmend kritischer." Nach positiven Wirtschaftsaussichten zum Jahresanfang habe die Branche inzwischen registrieren müssen, dass die Umsätze - im Gegensatz zu den Kosten - nicht mehr steigen werden. Hinzu kämen alarmierende Rückgänge beim Export. Dieser ist im Vergleich zum Vorjahr auf minus 3,3 Prozent im ersten Halbjahr 2012 eingebrochen. Da 70 Prozent der deutschen Exporte in die EU gehen, ist der Rückgang dort mit insgesamt minus 6 Prozent besonders gravierend.

Die IG Metall beschließt derzeit in den einzelnen Bezirken ihre Forderungen, die in der diesjährigen Lohn- und Gehaltsrunde erhoben werden sollen. Die Einzelbeschlüsse bilden die Grundlage für die offizielle Erwartungshaltung, die vom Vorstand der IG Metall Anfang Oktober festlegt wird. Die Verhandlungen beginnen am 17. Oktober in Berlin.

Zur Abrundung des sich rapide verdüsternden konjunkturellen Gesamtbildes verweist Südwesttextil auch auf die auf hohem Niveau befindlichen Erzeugerpreise und die im zweiten Quartal 2012 sinkenden Einzelhandelsumsätze mit minus 3,2 Prozent. "Sämtliche Institute - auch das gewerkschaftsnahe IMK - haben folgerichtig ihre Prognosen für 2013 in den vergangenen Monaten zurückgenommen und rechnen mit einer weiteren Abkühlung", so Ostrop.

Der Verband erinnert daran, dass die Verdienste in der Textil- und Bekleidungsindustrie in den letzten zwei Jahren deutlich über denen der Verbraucherpreise lagen. Mit Erhöhungen von plus 3,3 Prozent stiegen die Entgelte auch im Vergleich zu anderen Branchen überdurchschnittlich. Außerdem liegen die Verdienststeigerungen weit über der Umsatzentwicklung im Textilbereich im gleichen Zeitraum von fast minus einem Prozent. "Soll die Textil- und Bekleidungsindustrie weiterhin nachhaltig in Deutschland wirtschaften können, ist es höchste Zeit, die Tarifverdienste wieder mit Rücksicht auf die Umsatzentwicklung anzupassen und nicht unreflektiert darüber hinauszuschießen", mahnt der Südwesttextil-Hauptgeschäftsführer.

Foto: Thomas Range - IG Metall