Ressourcen retten, Netzwerk schaffen

Im Interview: Zwischen Reutlingen und Berlin entwickeln Ann Cathrin Schönrock und Franziska Uhl mit ihrem Start-up Yarn Sustain ein Garn aus Chiengora, der ausgekämmten Unterwolle von Hunden.

ModusIntarsia Wolle Hände
Foto: © Stephanie Braun

Zu Beginn die aktuell naheliegende Frage: Wie habt ihr die Corona-Krise erlebt?

Ann Cathrin Schönrock: Die Krise hat uns eigentlich in die Karten gespielt. Wir befinden uns in der Pre-Seed-Phase unseres Exist Gründerstipendiums und damit noch in der Entwicklung. Die Corona-Krise hat verdeutlicht, wie instabil die weltweite Textil Supply Chain ist und genau da setzen wir an. Wir haben die komplette Wertschöpfungskette unseres Produktes hier in Europa, bzw. aktuell sogar noch hier in Deutschland. Das können wir transparent darstellen und bei dieser Gewährleistung liegt bei vielen Herstellern das Problem.

Franziska Uhl: Wir stellen im Austausch mit anderen immer wieder fest, dass ganz klar eine Bewegung da ist und die Leute anfangen umzudenken. Ich glaube, dass dieses Um- und Neudenken und die Idee, dass das bestehende System hinfällig ist, uns letztendlich sogar fast mehr bringen wird. Denn Mainstream sind wir auf jeden Fall nicht.

Gestartet seid ihr mit einem Crowd­sourcing-Netzwerk für die ausgekämmte Unterwolle von Hunden. Wie hat sich das Netzwerk seitdem entwickelt?

Ann Cathrin Schönrock: Angefangen hat alles unter dem Projektnamen „Modus Intarsia“ und darunter läuft auch weiterhin unser Netzwerk und auch dessen Auf- und Ausbau. Wir freuen uns riesig darüber, dass wir wahnsinnigen Support aus der Hundebesitzergemeinschaft an sich haben. Da gibt es unzählige Leute, die unsere Idee auch sofort verstehen. Jemand, der die Unterwolle seines Hundes immer ausgekämmt hat, ist jetzt begeistert, eine Verwendung dafür zu haben und erzählt das auch gerne weiter. Beim Ausbau des Netzwerks geht es viel um Word of Mouth und auch um Altruismus, denn die Hundebesitzer entscheiden selbst, welcher Anteil des Rohstoffpreises gespendet wird. Diese Netzwerkarbeit macht einen großen Teil unser Arbeit aus, denn so können wir einen Zugang zu diesem Rohstoff sicherstellen.

Franziska Uhl: Seit einem Jahr erfassen wir jetzt, wie viel Wolle wir bekommen und mit Ausnahme des Lockdowns im März und April wächst unser Netzwerk stetig. Um die Skalierbarkeit unseres Produkts gewährleisten zu können, ist es vor allem wichtig, dass wir die Menschen an das Netzwerk binden und auch einen emotionalen Wert schaffen. Der Netzwerkaufbau findet seit drei Jahren statt und konnte seit dem jedes Jahr um 600 Prozent gesteigert werden. Mittlerweile zählt das Netzwerk an die 1000 Mitglieder, die aktiv sammeln.

Wie geht es dann mit der gesammelten Unterwolle aus eurem Crowdsourcing Netzwerk weiter?

Franziska Uhl: Unser „Proof of Concept“ war zunächst ein Handstrickgarn, um zu testen, ob die Leute das überhaupt kaufen. Letztes Jahr haben wir dann angefangen, auf Basis der Chiengorafaser ein Industriegarn zu entwickeln. Jetzt sind wir in den letzten Zügen der Verfahrenstechnik. In den Unternehmen Lenzing und Disana haben wir zwei starke Partner, die uns bei der Rohfaserbeimischung unterstützt haben. Wir verspinnen die Faser nicht ausschließlich, sondern haben eine Materialmischung entwickelt, die nach wie vor unserem Anspruch an eine möglichst nachhaltige Fasermischung entspricht. Das heißt wir haben mittlerweile zwei Säulen: zum einen das Handstrickgarn für den Kreativbereich und zum anderen die Anwendung in der Industrie.

Was ist das besondere an Chiengora und für welche Einsatzbereiche habt ihr diese Faser entwickelt?

Ann Cathrin Schönrock: Die Verwendung von Chiengora ist nicht neu. Was neu ist, ist dass wir Chiengora als hochwertiges Garn dem Markt zugänglich machen können. Archäologische Funde zeigen, dass in Nordamerika Teppiche daraus hergestellt wurden. Auch Handspinnerinnen haben die Faser schon immer verarbeitet. In der Industrie sind bereits zwei Patente zu Polyestermischungen angemeldet, bisher schafft es aber niemand die Ressource dem Markt zugänglich zu machen. Das ist unser Ziel! Das Schöne bei der von uns entwickelten Qualität ist, dass sie 100 Prozent natürlichen Ursprungs und wirklich vielfältig einsetzbar ist. Vor allem im Strickbereich, aber auch mit niedrigen Geschwindigkeiten in der Weberei. Das heißt sie kann zum einen in einer hohen Qualität beispielsweise in der High End DOB eingesetzt werden, aber genauso als Funktionstextil oder auch beispielsweise im Interior Bereich.

Franziska Uhl: Wir haben das Garn so konzipiert, dass der Griff und die Haptik schon an andere feines Tierhaare wie Kaschmir, Angora oder Mohair herankommt. Deswegen ist das Garn natürlich auch sehr weich. Trotzdem ist die Kundenakzeptanz noch ein großer Faktor.

Ann Cathrin Schönrock: Wir wollen hier eine Crowdfunding-Kampagne im Herbst starten, um eben zu zeigen, dass es vom Endkunden angenommen wird. Ein neuer Rohstoff polarisiert natürlich beim Endkunden – manche finden es super, andere verstehen es nicht und möchten es nicht tragen. Gerade weil es eine tierische Faser ist, ist es auch wichtig, die Transparenz zu schaffen, woher unser Rohstoff kommt.

Franziska Uhl: Wir gehen wirklich mit unserem kompletten Portfolio in die Crowdfunding-Kampagne, damit wir unseren Industriekunden zeigen können, dass der Endkunde eine Beanie aus unserem Garn kauft. So sind wir gerade mehr oder weniger in die Vollstufigkeit gerutscht!

Was sind neben der Crowdfunding-Kampagne eure nächsten Schritte?

Franziska Uhl: Im Herbst steht die professionelle Digitalisierung unseres Netzwerks an, denn aktuell wächst alles organisch. Neben der Crowdfunding-Kampagne steht dann der Transfer in die Industrie an. Wir sind offen für Unternehmen, die mit unserem Garn arbeiten möchten und haben tatsächlich schon die ersten internationalen Anfragen aus Paris und New York. Wir suchen Partner entlang der kompletten Wertschöpfungskette, die Interesse an der Arbeit mit einer neuen Faser haben. Gerade für die Wollaufbereitung und die Spinnerei ist die Suche nach europäischen Partnern eine Herausforderung.

Und was hält die Zukunft noch für euch und Yarn Sustain bereit?

Franziska Uhl: Wir haben schon die ersten Katzenhaare im Briefkasten und unser Crowdsourcing-Netzwerk lässt sich theoretisch beliebig auf jede europäische Faser übertragen. Allgemein ist unser Ansatz, dass der Markt für Fasern neu gedacht wird.

Ann Cathrin Schönrock: Unsere Mission ist es, Ressourcen zu retten und das bestehende System der Lieferkette neu zu denken.

Vielen Dank für das digitale Interview und viel Erfolg!