Zeitenwende

ECHA verschärft für körpernahe Textilien das Tempo

Hinter dem Arbeitstitel „CMR 291“ steckt für die Textilbranche eine Zeitenwende: Als erster Industriesektor in der europäischen Union überhaupt soll die Textilindustrie nach dem neuen EU-Stoffrecht REACH mit einem „Schnellverfahren“ nach REACH Art 68/2 bei „körpernahen“ Textilien in einer bisher nicht gekannten Breite reguliert werden.

Nach einigen einzelnen und langwierigen Stoff-Restriktionen und Listung in REACH-Annex XVII (APEO‘s, PAK’s etc.) für Textilien ist das Ziel dieses beschleunigten Verfahrens, kanzerogene, mutagene bzw. reproduktionstoxische – kurz CMR-Stoffe – auf körpernahen Textilien schnell und weitgehend in der EU zu regulieren. Der Prozess wurde im Herbst letzten Jahres in Gang gesetzt. Dazu wurden von der ECHA drei Listen erstellt, in denen insgesamt 291 CMR-Stoffe, die nach Meinung der ECHA potenziell auf Textilien vorkommen können, gelistet.

Die zeitliche Vorgabe, bis zum 16. Januar 2016 fachlich fundierte und abgesicherte Kommentare bezüglich der Relevanz einzelner Stoffe für den Textilbereich, möglicher Grenzwerte etc. in der dazugehörigen „Public Consultation“ an die ECHA zu übermitteln, war absehbar nicht zu leisten. Die textilen Verbände konnten daher zunächst eine Fristverlängerung bis zum 22. März 2016 bei der EU-Kommission bewirken.

Die drei Listen konzentrieren sich zum einen auf Farbstoffe, die CMR-Stoffe (z. B. kanzerogene Amine) abspalten können, weiterhin auf Erdölprodukte, z. B. Paraffine, die CMR-Substanzen als Verunreinigung beinhalten können, und abschließend aus einer Konvolut-Liste „sonstige CMR-Stoffe“, die zum Teil aus verschiedenen Textilstandards und Studien bezüglich Schadstoffen auf Textilien abgeleitet wurden.

CMR-Stoffe sind in Deutschland bereits in verschiedenen Textilstandards freiwillig und auch vielfältig gesetzlich reguliert, und die meisten CMR-Stoffe auf den Listen der ECHA waren noch nie oder sind nicht mehr textilrelevant. So sind u. a. die gelisteten Farbstoffe bereits national im Bedarfsgegenständegesetz, als auch schon in REACH Annex XVII etc. geregelt. Auch die CMR-Stoffe, die potenziell in den gelisteten Erdölprodukten enthalten sein könnten, sind initial nicht textilrelevant. Ein Teil dieses Verfahrens kann daher so gewertet werden, dass es durch dieses Verfahren zu einer EU-weiten gesetzlichen Harmonisierung bzw. Ausweitung dieser Regelungen kommt, die auch für Nicht-EU-Importware gilt.

Doch nicht alles ist in diesem Schnellverfahren unkritisch. Allem voran ist nun nach der CLP-Neueinstufung Formaldehyd als kanzerogen/ mutagen 1B (mit Schwellenwert) auf die Liste der CMR-Stoffe gelangt. Bei diesem Stoff gibt es allerdings allgemeine Restriktionsabsichten der ECHA für alle Industrien, und der REACH-Lead-Registrant von Formaldehyd hat nun für die nächsten zwei Jahre die Aufgabe übernommen, alle nachverwendeten Industrien bezüglich der Verwendung von formaldehydhaltigen Produkten zu untersuchen. Ziel ist es u. a., Grenzwerte und Gesamtemissionsszenarien für die Innenraumluft berechnen zu können. Die Textilbranche ist bei den Verbraucherprodukten seit langem einen Schritt voraus. Verschiedene Textilstandards wie z. B. Ökotex, haben bei Formaldehyd ein seit Jahren bewährtes System entwickelt, das ganz im Sinne des Verbraucherschutzes nach Produktklassen Grenzwerte auf Textilien setzt, die nicht überschritten werden dürfen.

Dieses System sollte beibehalten werden, denn bereits jetzt ist bei der Produktklasse 1, die analytische Messgrenze praktisch gleichzeitig der Grenzwert selbst.

Ebenso sind die sogenannten aprotischen Lösemittel, wie N-Methylpyrolidon (NMP), Dimethylacetamid (DMAc), und Dimethylformamid (DMF) z. B. im Ökotex-Standard bereits mit Grenzwerten belegt. Alle drei CMR-Lösemittel spielen u. a. bei der Faserherstellung eine sehr wichtige Rolle. DMAc ist vor allem für die Herstellung von den in der Bekleidung vielseitig eingesetzten Elasthanfasern bisher unersetzbar. NMP spielt u. a. bei der Aramidfaserproduktion eine wichtige Rolle. Für DMF läuft bereits seit längerer Zeit, wenn auch stockend, unter der Führung Italiens ein allgemeines REACH-Restriktionsverfahren für alle Industriebereiche, das ebenfalls u. a. der Herstellung von Acrylfasern, Alcantara als auch zur Herstellung von Polyurethan-Beschichtungen/Membranen eingesetzt wird. Hier gilt es einen entsprechenden Abgleich zwischen den einzelnen Gesetzesinitiativen zu finden.

Auch einige eher unbekannte Stoffe wie z. B. Ethylenthioharnstoff (ETU) sind textilrelevant, denn dieser Stoff wird zum Vulkanisieren von Chloroprenkautschuk, z. B. für Neoprenanzüge sowie für Dichtlippen von Reißverschlüssen eingesetzt. Hier ist u. a. die technische Leistungsfähigkeit der Alternativstoffe genauer zu beleuchten.

Die textilen Verbände, die ETAD, der IVC und TEGEWA sowie das PFI arbeiten bei „CMR 291“ intensiv und eng zusammen, um die Stoffe und Grenzwerte entsprechend zur ECHA zu kommentieren bzw. Vorschläge zu unterbreiten. Besonders den Gültigkeitsbereich dieser Restriktion gilt es genau abzugrenzen. Fachlicher Input aus Mitgliedsunternehmen ist ausdrücklich willkommen.