Zur Brust genommen

Kreditversicherer am Pranger

Mit markigen Worten berichtete Hartmut Schauerte von seinem Gespräch mit führenden Kreditversicherern: "Ich habe sie einbestellt und sie mir ordentlich zur Brust genommen", sagte der Wirtschaftsstaatssekretär anlässlich der Jahresversammlung des Gesamtverbands textil+mode Anfang Dezember in Berlin. An ihre gesamtwirtschaftliche Verantwortung habe er appelliert und sie aufgefordert, in dieser wirtschaftlichen Situation jetzt nicht die Limite einfach zu kürzen. Andernfalls hätten die Versicherer am Ende selbst überhaupt kein Geschäft mehr.

Anlass für die Standpauke aus dem Wirtschaftsministerium ist das jüngste Verhalten von Atradius, Euler Hermes, Coface und anderen, die auf breiter Front bei vielen Unternehmen das Deckungsvolumen abgebaut oder überhaupt keine Forderungen mehr abgesichert haben. Laut einer Erhebung von textil+mode berichtet die Hälfte der befragten Unternehmen, die mit Atradius zusammenarbeiten, von einer Verschlechterung der Bedingungen, bei Euler Hermes waren es 13 Prozent. Zwar sei niemand von einer Kündigung der Vertragsbeziehungen durch den Versicherer betroffen, dafür aber würden Prämienerhöhungen angedroht, gefordert und auch durchgesetzt.

In vielen Mitgliedsfirmen werden deshalb gegenwärtig kritische Gespräche mit den Kreditversicherern geführt. Auch textil+mode hat gemeinsam mit German Fashion und dem Industrieverband IVGT kürzlich bei Atradius in Köln und Euler Hermes in Hamburg vorgesprochen, um für mehr Verständnis für die Situation der Textil- und Modeindustrie zu werben. Dabei kritisierten sie, dass in öffentlichen Verlautbarungen insbesondere von Atradius die Textilbranche generell als gefährdet eingestuft werde. Außerdem erwecke der Versicherer im Fall, dass ihm nicht alle gewünschten Informationen zur wirtschaftlichen Lage eines Abnehmers vorliegen und deshalb keine oder nur eine gekürzte Deckung gewährt wird, gegenüber dem Lieferanten den Eindruck, dass beim Abnehmer wirtschaftliche Schwierigkeiten bestünden – mit fatalen Folgen für das betroffene Unternehmen.
Atradius beteuerte, dass Textil nicht unter besonderer Beobachtung stehe, bei den "Schadensfällen aber immer prominent vertreten" sei. Man führe stets eine Einzelbetrachtung des Unternehmens durch. Entscheidend seien Liquidität und vorhandene Substanz. Allerdings zwinge das verschlechterte wirtschaftliche Umfeld die Kreditversicherer darauf zu reagieren. Umgekehrt habe die Textilindustrie in den letzten Jahren auch von deutlichen Prämiensenkungen profitiert. Euler Hermes rät den Unternehmen, ihre Kunden zu veranlassen, zeitnah Bilanzen und BWA offenzulegen sowie das Gespräch mit dem Versicherer gegebenenfalls gemeinsam mit dem Lieferanten zu suchen.

Unterdessen kündigte der Vorsitzende der Kommission Kreditversicherung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, Peter Ingenlath, an, dass die deutschen Kreditversicherer ihre Prämien als Reaktion auf die Zunahme von Firmenpleiten um mindestens zehn Prozent anheben wollen. In einigen Problembranchen seien 50 Prozent, in Einzelfällen sogar 100 Prozent höhere Prämien möglich, sagte Ingenlath, der auch Chief Risk Officer bei Atradius ist. Zugleich werden die Kreditversicherer den Schutz einschränken: Lieferungen an bestimmte Unternehmen sind dann nicht mehr abgesichert. Der Schadensaufwand speziell in der Warenkredit- oder Delkredereversicherung habe bis Oktober bereits um 38,1 Prozent zugenommen.

Bei allem fragt sich, wie sinnvoll eine Kreditversicherung für den Lieferanten überhaupt noch ist, wenn sich der Versicherer zurückzieht, sobald bei einem Unternehmen erste Anzeichen für Schwierigkeiten erkennbar werden. Zwar mag das aus unternehmerischer Sicht gerechtfertigt sein, da sonst die Schäden und damit die Kosten für den Versicherer massiv steigen würden. Aber gerade für den Fall des drohenden Zahlungsausfalls braucht der Kunde die Kreditversicherung. Doch was soll der tun, wenn ihm just in dieser Situation die Höhe der abgesicherten Forderungen zusammengestrichen wird.