Keine Zeit, kein Geld?

PH-Werte: Die Kolumne von Südwesttextil-Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Hauptgeschäftsführer Peter Haas
Foto: Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Die Schere geht auseinander: Die eine Linie zeigt die Suchanfragen der Arbeitgeber bei der Bundesagentur für Arbeit (plus 16 Prozent im letzten Jahr), die andere Linie die Übergänge von Arbeitslosigkeit in Beschäftigung (minus 29 Prozent). Oder anders ausgedrückt: Betriebe suchen mehr und finden weniger. Der „War for talents“ ist keine düstere Prognose mehr, die Schlacht um die Fachkräfte ist voll entbrannt. Auch die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen ist um 12 Prozent deutlich gestiegen.

So mancher Chef ist frustriert – angesichts der Bewerberlage, der längeren Suchzeiten, der Qualität der Kandidaten, manchmal auch in Bezug auf die Betriebstreue. Wir hören oft: Der Fachkräftemangel ist ein Riesenproblem. Wir hören aber auch: Bei uns geht es noch, wir kommen zurecht. Das klingt eher nach „von der Hand in den Mund“. Oder nach der Regel: „Ist das Auftragsbuch voll, haben wir für Personalentwicklung keine Zeit – ist es leer, haben wir kein Geld.“ Sollte sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter verschärfen, ist dieses Vorgehen gefährlich. Und wenn sich dann starke Jahrgänge in der Belegschaft gleichzeitig (oder dank Rente mit 63 vorzeitig) verabschieden, ist sogar das Alltagsgeschäft gefährdet. Was tun?

Den Kopf in den Sand zu stecken, ist keine Option. Südwesttextil sieht sich als Arbeitgeberverband in der Pflicht, in diesem Thema alle Hebel in Bewegung zu setzen. Wir machen Ihnen Angebote, wie Sie sich als Arbeitgeber präsentieren, das eigene Recruiting optimieren und die Personalentwicklung ausbauen können. Aber: Die Mitglieder müssen die Angebote auch nutzen. Noch sind nicht alle mit ihrem kostenlosen Firmenprofil auf der Website unserer Nachwuchs-Kampagne „Go textile!“. Daneben empfehle ich unsere Broschüre „next in textil“, in der wir mehrere Aus- und Fortbildungsprogramme und die entsprechenden Förderungen übersichtlich zusammengefasst haben. Ebenso sind wir in Gesprächen mit der Bundesagentur für Arbeit über Arbeitskräftevermittlung aus dem Ausland. Und wir diskutieren mit unseren Mitgliedern die Idee eines gemeinsamen Online-Auswahlverfahrens inklusive wissenschaftlich fundierter Eignungsdiagnostik. Das könnte Fehltreffer bei der Rekrutierung vermeiden.

Ja, Personalarbeit wird anstrengender – und auch teurer. Und sie ist längst mehr als Personalverwaltung. Personalmanagement hat strategische Bedeutung, ist Chefsache, entscheidet über die Zukunft. Und genauso gilt der Satz vom Vorsitzenden unserer Bildungsstätte Gatex, Volker Steidel: „Ausbildung ist keine Wohltätigkeit, das ist purer Egoismus.“