Mit Kommunikation ist alles möglich

Wir.Punkt.Null – das Praktiker-Forum bei Hugo Boss zur textilen Arbeitswelt von morgen, veranstaltet von Südwesttextil und textil+mode, traf den Nerv von Politik und Unternehmen.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles
Foto: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles
© Südwesttextil

Über 100 Gäste aus Industrie und Politik kamen am 25. Juli auf den Campus von Hugo Boss in Metzingen, um gemeinsam mit Experten die Frage zu erörtern: „Was hat Arbeit 4.0 mit uns zu tun?“. Am Ende eines äußerst spannenden und ereignisreichen Tages – unter Nutzung traditioneller Präsentationen sowie aller 4.0-technisch zur Verfügung stehenden Medien wie Live-Streaming und Mobil-Video-Übertragung – waren sich die Teilnehmer einig: Arbeit 4.0 ist kein gehypter Trend, der wieder vergeht, sondern die Realität, die bleibt und sich weiterentwickelt und um die sich Unternehmer, Führungskräfte und Personalverantwortliche dringend kümmern müssen.

Hausherr und Gastgeber, CEO Mark Langer, begrüßte die Gäste und berichtete, wie ein Modegroßkonzern sich für die „neue Zeit“ rüstet, welche Anforderungen bestehen und was schon umgesetzt wurde. So z. B. das Arbeiten im „Open Space“, also Arbeiten ohne feste Arbeitsplätze. Hier hätte der Personalbereich unter Leitung von Frederic Klumpp nicht nur Wasser gepredigt und den Wein heimlich selbst getrunken, sondern den Anfang gemacht. Die gesamte Abteilung inklusive Chef suchen sich jeden Morgen einen freien Schreibtisch und arbeiten in „Wide Spaces“ – trotz vieler vertraulicher Themen, die zum Arbeitsalltag gehören. Dieses neue Modell soll Standard bei Hugo Boss werden und auch der Vorstandsbereich denke darüber nach. Darüber hinaus stehe das Thema „Home Office“ zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Fokus.

HUGO BOSS CEO Mark Langer
Foto: HUGO BOSS CEO Mark Langer
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Über die Möglichkeit, sich zum Thema Arbeit 4.0 mit Unternehmern und Experten austauschen zu können, freute sich die Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles in ihrem anschließenden Grußwort. Sie betonte, wie wichtig gerade für berufstätige Mütter die befristete Teilzeit mit Rückkehrgarantie in eine Vollzeitbeschäftigung sei. „Frauen werden aus der Karriere herauskatapultiert“, so die Ministerin. Doch es gelte, die Potenziale gut ausgebildeter Frau zu heben. Deshalb der Aufruf an die Unternehmer: „Bitte machen Sie mit, sonst muss ich ein Gesetz machen.“

Vier weitere Bereiche lägen ihr besonders am Herzen:

1. Experimentierräume

Dieses Projekt des Ministeriums ist ein Ergebnis aus der Diskussion zum „Weißbuch 4.0“. Es ermöglicht Unternehmen, moderne Formen der Arbeitsorganisation auszuprobieren. Das Arbeitszeitgesetz von 1994, seinerzeit von Nobert Blüm ins Leben gerufen, sei nicht schlecht, so Nahles, aber veraltet. Eine Änderung müsse dringend angegangen werden, doch dies sei eine mutige Aufgabe. Solle sie nach dem 24. September in der Funktion bleiben, übernehme sie die Aufgabe gern.

2. Neue Führungskultur

Die Arbeitnehmer in Deutschland sind nach Auffassung der Ministerin „weiterbildungsfaul“. Selbst die WeGebAU-Mittel, die zur Verfügung gestellt worden wären, seien nicht ausgeschöpft worden. Das hätte sie sehr geärgert, denn die Qualitätsanforderungen in einer digitalisierten Arbeitswelt würden zunehmen. Deshalb appellierte sie an die Unternehmen, ihre Mitarbeiter zur Weiterbildung zu animieren und ihnen die Ängste vor neuen Entwicklungen zu nehmen.

3. Qualifizierte Zuwanderung

„Integration ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf“, erklärte Nahles. Deshalb seien Programme, wie z. B. das punktebasierte Modell für ausländische Fachkräfte (PUMA) als Pilotprojekt hier in Baden-Württemberg, so wichtig. Das am kanadischen Zuwanderungssystem angelehnte Modell richte sich an Nichtakademiker mit Berufserfahrung und sei für mittelständische Unternehmen konzipiert. In diesem Zusammenhang dankte sie den Unternehmen für ihren bisher geleisteten Einsatz bei der Integration.

4. Digitalisierung ist global

In diesem Bereich gelte es, die deutschen Unternehmen zu schützen. Viele große Unternehmen drängten auf den Markt, zahlten aber keine Steuern und Sozialabgaben. Hier seien Strafen erforderlich, denn man müsse eine „Plattformisierung der Ökonomie“ entgegenwirken.

Darüber hinaus lobte die Ministerin die Erfolge der Arbeitsschutzinitiative „Vision Zero Fonds“ der G7 und G20 in Myanmar und Äthiopien zur Prävention von Arbeitsunfällen in globalen Lieferketten. In Niedriglohnländern fördere der Fonds Projekte zum Aufbau von Arbeitsinspektionen, öffentlichen Strukturen für den Arbeitsschutz, Unfallversicherungen sowie nachhaltige Initiativen auf betrieblicher Ebene.

Führen, Folgen, Verantwortung – dies sind die Grundlagen der 4.0-Unternehmenskultur des Keynote-Speakers und Gründers der Haufe-umantis AG, Hermann Arnold. Seine Maxime: selbstverantwortliches Arbeiten und Kommunikation. In seinem Unternehmen wählen die Mitarbeiter den Chef, führen selbstverantwortlich gemäß dem Motto „Wir sind Chef“ und folgen Vorgesetzten wie Kollegen. Sein Motto: „Jede und Jeder führt, Jede und Jeder folgt“. So trägt jeder Mitverantwortung, und Fehler machen ist erlaubt. Nicht jeder Mitarbeiter möchte immer führen, und so sei es in seinem Unternehmen möglich, wieder ins Team „zurückzutreten“, denn ein Rücktritt sei kein Ab- oder Wegtritt.

Diskussionsrunde mit Silke Masurat, Michael Kleiner, Dr. Susanne Koch, Prof. Sascha Stowasser, Frank Ostoff und Tilo Jung (v.l.n.r)
Foto: Diskussionsrunde mit Silke Masurat, Michael Kleiner, Dr. Susanne Koch, Prof. Sascha Stowasser, Frank Ostoff und Tilo Jung (v.l.n.r)
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Im anschließenden Dialog zum Thema „Tradition trifft Moderne“, moderiert von Tilo Jung, dem Macher von „Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte“, einer regelmäßig ausgestrahlten politischen Interview-Sendung über Social-Media-Kanäle, beschrieb der patriarchalisch geprägte Unternehmer Christoph Larsén-Mattes von Mattes & Ammann seinen „Gegenentwurf“. Sein Motto: „Solange die Firma mir gehört, wird gemacht, was ich sage.“ Für ihn sei Ehrlichkeit in der Kommunikation das A&O. Dies schaffe Vertrauen und Freiräume.

Im zweiten Dialog standen sich der Start-up-Unternehmer Thomas Kirchner von proglove und der Personalchef Frederic Klumpp von Hugo Boss gegenüber. Der 31-jährige Jungunternehmer, ältester Mitarbeiter in seiner Firma, arbeitet mit seinen Kollegen nach dem Motto: „Wir können nur chaotisch“. Es existieren keine festen Arbeitszeiten und keine Urlaubsregelung. Eine Regel: Wer bis um 10.00 Uhr nicht im Büro ist, muss sich melden und sagen, wann er wiederkommt. Doch nicht jeder Mitarbeiter und nicht jedes Unternehmen kann mit so viel Freiheit umgehen. Vor allen nicht bei einer Unternehmensgröße wie von Boss. Frederic Klumpp arbeitet mit seinem Team an einem sanften Aufbrechen starrer Konzernstrukturen und an einer freieren Fehlerkultur. Für Thomas Kirchner ist eine weitere Maxime die Offenheit. Diese erreiche man durch Humor. „Wir machen viel Blödsinn.“ Diese Lockerheit wünscht sich auch Klumpp.

Wie Unternehmen Arbeit 4.0 bereits umsetzen, zeigten in einem „Best Practice Slam“ Dietmar Knoess von Puma – zugeschaltet per Live-Streaming –, Michael Bohrmann vom Medizintextilienhersteller Karl Otto Braun und Miriam Schilling von VAUDE. In ihrem Kampf um Mitarbeiter und Talente gehen sie ähnliche Wege. Ob der betriebseigene Kindergarten, das selbst einstudierte und aufgeführte Theaterstück, der Team-Kletter-Ausflug in die Berge, das Duzen im Unternehmen oder die mit den Mitarbeitern gemeinsam entwickelten Visionen – die Wertschätzung des Mitarbeiters ist der Dreh- und Angelpunkt.

In der abschließenden Talkrunde „Wir . Punkt . Null – Was ist zu tun?“ waren sich die Teilnehmer (Michael Kleiner vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg, Dr. Susanne Koch von der Bundesagentur für Arbeit, Silke Masurat vom Zentrum für Arbeitgeberattraktivität + Wettbewerb TOP JOB, Frank Ostoff von der Eisenschmidt Consulting Crew sowie Prof. Sascha Stowasser vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft ifaa) einig: Die Unternehmen müssen sich auf den Weg machen und zwar jedes im Rahmen seiner Unternehmenskultur, ob traditionell oder modern – jedes auf seine Weise und in seiner Geschwindigkeit. Ein für alle gültiges 4.0-Standardmodell gibt es nicht. Wichtig und unerlässlich ist es, es zu tun. Die Digitalisierung trifft uns alle.

Südwesttextil-Präsident Bodo Th. Bölzle
Foto: Südwesttextil-Präsident Bodo Th. Bölzle
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Zum Abschluss dankte Bodo Th. Bölzle, Präsident von Südwesttextil, Vizepräsident von textil + mode und Vorstandsmitglied von Euratex, den Teilnehmern für ihr Kommen. „Zwischen der Industrie 1.0, die im Übrigen ihren Ursprung in der Textilindustrie hat, bis heute zur Industrie 4.0 haben wir noch alle Umbrüche als Chance angenommen. Insofern: Gut, dass wir heute hier zusammengekommen sind. Gut, dass wir gesprochen haben.“

Die Veranstaltung begleitet hat die Live-Zeichnerin Sandra Schulze. Ihre Werke sowie die gezeigten Präsentationen der Referenten gibt als PDF-Dateien zum Download unter www.wirpunktnull.de.