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09.10.2019 // Kommunikation + Event

Feinste Stoffe und Design nur für Herren

Renaissance einer Marke: Pellens & Loick im Porträt

Wann sie das erste Mal an einem Schreibtisch von Pellens & Loick gesessen hat? Das reicht in ihre Kindheit zurück, als sie ihren Vater immer samstags in die Firma begleitete: Susanne Wirz, Geschäftsführerin, leidenschaftliche Textilerin und Familienmensch. Wann ein Familienunternehmen aufhört, ein Familienunternehmen zu sein? Definitiv nicht, wenn es keine Erben mehr gibt.

EIne Reise in die Unternehmensgeschichte

Das Herz des 1870 in Berlin gegründeten Unternehmens für Herrenaccessoires – Pellens & Loick – überlebte zwei Weltkriege, den Standortwechsel nach Aalen und die Fusion mit der Taschentuchfabrik Alfred Pilz aus Hohenelbe – heute schlägt es in einem Lokschuppen. Bis auf die einmal am Tag vorbeifahrende Diesellok, die nach wie vor am Ende des Gebäudes betankt werden muss, erinnert aber nur noch wenig an die einstige Ausbesserungshalle der Deutschen Bahn. Im weitläufigen Atelier im Erdgeschoss stapeln sich Kundenbestellungen, Stoff ballen und schnurrt auch noch die eine oder andere Nähmaschine. Die eingelassene Zwischenebene beschert einen tollen Blick in das Gebäude und beherbergt Archiv, Kollektionsentwicklung und Geschäftsführung.

Die Anfänge des „Familienunternehmens“

Die Familiengeschichte von Susanne Wirz ist eng mit der des Unternehmens verwoben. Nach dem zweiten Weltkrieg fing ihr Großvater als Vertreter für die Firma Pilz im Großraum Köln an. Nach und nach sorgte sein Engagement im Vertrieb dafür, dass er bei der Entwicklung der Krawattenkollektionen mitwirkte und ihn die eine oder andere Reise auch an den Lago di Como führte. Ihr Vater, so erzählt Susanne Wirz, wollte eigentlich nach dem Abitur Tierarzt werden. Da er aber kein Blut sehen konnte, sollte er die Handelsvertretung seines Vaters übernehmen, und kam so über Station in der Niederlassung Berlin nach Aalen. So führte die Textilindustrie ihn als „Neigschmeckten“ ins Schwabenland, wo er schnell Prokura erhielt und schließlich 1982 die Geschäftsführung übernahm. Der damalige Geschäftsführer Kohlhaus hatte keine Kinder und der Sohn von Mitinhaber Joachim Hofmann schied schließlich als Partner aus dem Unternehmen aus. Es gab also keine direkten Nachfolger und Wirz bezahlte die beiden Familien nach und nach aus und übernahm das Unternehmen.

Umbrüche & Neuanfänge

Klar war der Wunsch von Susanne Wirz, die Nachfolge ihres Vaters anzutreten, nicht von Anfang an – nach der Idee Kunst zu studieren, folgten Praktika und Ferienjobs in der Textilindustrie, auch bei PELO. Schließlich entschloss sie sich, für ein Studium im Bereich Modejournalismus und Medienkommunikation nach Hamburg zu gehen. Im Anschluss kam sie zu Pellens & Loick, so wie ihr Großvater und Vater bereits zu ihrer Berufung gefunden hatten. Der Vertrieb in Hamburg war nicht besetzt, sie übernahm die Stelle, putzte Klinken und kehrte schließlich komplett nach Aalen zurück, um fortan die Kollektionsentwicklung voranzutreiben.

Bis 2013 gab es im Unternehmen noch eine eigene Strickkollektion, zwischendurch brachte sie, gemeinsam mit ihren beiden Schwestern, die junge, modische Strickkollektion Tom & Hawk auf den Markt. Dieser Schritt brachte den Aalenern zwar viel Aufmerksamkeit und auch neue Kunden, aber letztendlich wurde das Vorhaben doch durch Zahlungsverzögerungen vieler italienischer Kunden, bei denen die Kollektion besonders Anklang fand, sowie aufwendige Produktionsbedingungen gebremst.

Nach der Finanzkrise und den Problemen auf dem russischen Markt war dann endgültig Schluss mit der Oberbekleidung. 2013 ging auch ihr Vater in den wohlverdienten Ruhestand, und so stand Susanne Wirz vor der Herausforderung, das Unternehmen völlig neu aufzustellen. Eine mutige Entscheidung, genau zum richtigen Zeitpunkt, denn Felix Wolf, Stuttgarter Unternehmer und Besitzer des Herrenausstatters Felix W., suchte zu diesem Zeitpunkt eine Möglichkeit, eine hochwertige Accessoirekollektion für seine Filialen zu produzieren. Und so taten sich beide zusammen und gründeten Pellens & Loick neu.

Besondere Accessoires mit Sorgfalt hergestellt

Für die junge Unternehmerin war klar, dass neben großen Veränderungen in der Mitarbeiter- und Vertriebsstruktur des Unternehmens auch eine stärkere Positionierung der Marke sowie eine Besinnung auf die Kernproduke – hochwertige Herrenaccessoires wie Krawatten, Fliegen, Einstecktücher und Schals – nötig waren. Das kleine aber feine Unternehmen produziert heute nahezu ausschließlich in Europa, mit großem Fokus auf Italien.

So war es für die neu aufgestellte Traditionsmarke ein großer Schritt, sich ein Jahr nach der Neugründung für einen Stand auf der sagenumwobenen internationalen Modemesse für Herrenbekleidung, der Pitti Uomo, in Florenz zu bewerben. Relativ schnell kam im September die Zusage, dass Pellens & Loick die Chance zur Ausstellung bekommen würde, falls freie Flächen vorhanden sein sollten. Lachend erzählt die junge Modefrau, wie sie schlussendlich zwei Tage vor Weihnachten die Nachricht bekam und über die Festtage noch eine komplette Kollektion auf die Beine stellen musste. Für ihre Marke bedeutete diese Aufnahme in den Kreis der „who is who“ der Herrenmode mehr Sichtbarkeit und auch neues Vertrauen der Kunden – selbst einiger aus Aalen. Und auch den Sprung nach Berlin hat Pellens & Loick wieder geschafft: mit einem edel ausgestatten exklusiven Shop im KaDeWe begeistert das schwäbische Unternehmen die Herren in der Hauptstadt.

Die aktuelle Entwicklung weg von der Krawatte als fester Bestandteil der Herrengarderobe hat für Pellens & Loick neben Schwierigkeiten auch Vorteile. Für bekennende Krawattenträger spielt der Preis zunehmend eine untergeordnete Rolle, wichtig ist Qualität und modischer Chic. Und das bietet die exklusive Marke.

So berichtet die sympathische, positiv in die Zukunft blickende Mode- und Kommunikationsexpertin:

„Aktuell geht der Trend wieder hin zu auffälligeren Mustern und Retrodesigns. Und bekannt sind wir in der Branche. Bei uns fragen selbst Herrenausstatter aus Japan an.“

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